Häusliche Gewalt geht alle an

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Société
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Lorsché Josée

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Obwohl häusliche Gewalt mitten im Alltag und in allen sozialen Schichten stattfindet, wird sie als gesellschaftliches Problem weitgehend tabuisiert und meistens als “private Familienstreitigkeit“ abgetan.
Artikel von Josée Lorsché in "Zu Gast im Land", 06.01.2012

Ein systematisches Gewalt- oder Kontrollverhalten in der Partnerschaft ist aber keineswegs ein Kavaliersdelikt, sondern ein kriminelles Vergehen. Oft nimmt die Gewaltanwendung die direkte Form eines physischen Angriffs an. Sie greift aber auch zu perfideren Methoden wie Erpressung, Demütigung und Diskriminierung bis hin zum Arbeitsverbot oder alleiniger Verfügungsmacht über das gesamte Einkommen. Für viele Menschen, vor allem Frauen, ist häusliche Gewalt brutale alltägliche Realität. Meistens bilden patriarchalische Strukturen mit einem Ungleichgewicht in der Verteilung der finanziellen Ressourcen und des persönlichen Einflusses den Nährboden für die Entstehung solcher Verhaltensweisen.

Mit der anstehenden Reform des Gesetzes zur häuslichen Gewalt wird voraussichtlich dem Prinzip der Proportionalität bei der Bestrafung des Täters und seinem Recht auf Rekurs bei der Ausweisung mehr Bedeutung zukommen. Weniger klar ist, inwiefern der Opferschutz in der Neufassung des Gesetzes verstärkt werden soll. Mit dem Grundsatz „Wer schlägt, geht“ wurde zwar schon im Jahre 2003 erreicht, dass nicht das Opfer, sondern der Täter seine gewohnte Umgebung verlassen muss. Um dem Opfer aber tatsächlich eine größtmögliche Sicherheit zu garantieren, sind ergänzende Maßnahmen erforderlich. Eine streng quantifizierte Bannmeile um die Wohnung herum, zeitlich festgelegte Kontaktverbote zum Opfer und die Verpflichtung des Täters, Eigenverantwortung zu übernehmen, sind als Zusatzbestimmungen unerlässlich. Außerdem muss den Ordnungskräften das Recht auf Körperdurchsuchung des Täters zugestanden werden, um Hausschlüssel oder gefährliche Gegenstände zu beschlagnahmen.

Häusliche Gewalt bezieht sich auch nicht nur auf unmittelbar Betroffene, sondern ebenfalls auf die im Haushalt lebenden Kinder. Sie nehmen die Gewalt in ihrem Zuhause nicht nur mit Augen und Ohren wahr, sondern werden in Konfliktsituationen häufig von einem Elternteil instrumentalisiert oder vernachlässigt. Um den physischen und emotionalen Schaden bei diesen jungen Menschen zu begrenzen und gleichzeitig den Kontakt zu wenigstens einem Elternteil aufrecht zu erhalten, werden schnell erreichbare stationäre Dienste und ambulante Hilfestellungen gebraucht. Die CSV-LSAP Koalition sollte deshalb endlich alle Hebel in Bewegung setzen, um das Therapieangebot im Inland sowohl quantitativ als auch qualitativ zu verbessern statt sich damit abzufinden, dass traumatisierte Kinder und Jugendliche aufgrund fehlender oder mangelhafter inländischer Strukturen im Ausland behandelt werden müssen. Laut der UN- Kinderrechtskonvention hat schließlich jedes Kind das Recht auf Achtung seiner moralischen, körperlichen, geistigen und sexuellen Unversehrtheit. Und es hat das Recht auf besonderen Schutz vor Vernachlässigung und Gewalt, auch in Luxemburg.

Die Reform des Gesetzes zur häuslichen Gewalt wird der Regierung die Gelegenheit bieten, sowohl den Opferschutz zu verstärken als auch den Kinderrechten in Luxemburg mehr Gehör zu verschaffen. Sie sollte also den Mut aufbringen, es nicht bei einer halbherzigen Reform zu belassen und allen Facetten des Opferschutzes in unserm Land gerecht zu werden. 

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