Brief an die Redaktion: Falsche Freunde

Catégories : 
Actualité
Thèmes : 
Développement durable Ecologie et environnement Energies
Auteurs : 
Kox Henri, Turmes Claude

Publié le

Reaktion auf den Artikel "25 Jahre Klima-Angst" von Francis Massen, erschienen am 16. August im Lëtzebuerger Land.

1. Gegenexpertisen, die den Klimawandel in Frage stellen, soll man ernsthaft prüfen. Dennoch verdienen die Prognosen des Internationalen Klimaschutzpanels der Vereinten Nationen (IPCC) weitaus mehr Vertrauen, als die von Herrn Massen zitierten Klimaskeptiker: Margaret Thatcher ist nie als anerkannte Klimawissenschaftlerin aufgefallen. Und Dr. Gerd Weber arbeitet für die deutsche Kohleindustrie und als Experte des neokonservativen US-amerikanischen The Heartland Institute. Diese finanziell völlig intransparente Industrielobby hat vor ihrem Feldzug gegen den Klimaschutz für den Konzern Philipp Morris gearbeitet. Das Institut hat aggressive Kampagnen gegen die Gesundheitsschädlichkeit des Passivrauchens organisiert - und damit Fortschritte im Bereich der Prävention um Jahrzehnte verzögert. Dagegen ist das IPCC ein unabhängiges UN –Gremium. Seine Expertise wird weltweit weder von namhaften Wissenschaftlern, noch von einem Staat ernsthaft in Frage gestellt.

2. Wir stehen nicht nur klimapolitisch, sondern auch energiepolitisch vor einer wichtigen Herausforderung, die von Herrn Massen kleingeredet wird: Angesichts beschränkter Ressourcen, des weltweit steigenden Energiebedarfs und Kraftwerken und Energieleitungen, die allesamt an ihre Altersgrenze stoßen, müssen wir alleine in der EU in den kommenden zehn Jahren zwei Drittel der bestehenden Stromkraftwerke ersetzen. Massive Investitionen sind notwendig, um Industrie und Haushalte sicher mit Energie zu versorgen. Studien der EU-Kommission zeigen, dass es keine höheren Kosten verursacht und längerfristig weitaus rentabler ist, bei dieser Modernisierung gleich ganz auf eine ökologische Energiewende zu setzen. Nur so können wir uns von Milliarden teuren Energieimporten befreien, Beschäftigung anstoßen, die erneuerbaren Energien massiv zum Einsatz bringen - darunter die thermischen Solaranlagen, die auch Herr Massen fördern möchte - und Kohle- und Nuklearanlagen etappenweise ganz abschalten.

3. Die Energiewende hat ihren Preis und muss daher sozial abgefedert werden. Wir müssen sozial benachteiligten Haushalten bei der Energiesanierung und -versorgung besonders unter die Arme greifen und Energieeffizienz zur Priorität machen. Zur Versachlichung der Debatte sei auf die aktuelle Preissituation in Luxemburg hingewiesen: Bei uns wird über den Strompreis der so genannte Fonds de compensation gespeist. Nur 36 Prozent dieses Fonds werden für erneuerbare Energien verwendet, 64 Prozent der Gelder gehen an Blockheizkraftwerke mit konventioneller Energie (Zahlen von 2011). Im Durchschnitt gibt ein Vierpersonenhaushalt in Luxemburg über die Stromrechnung pro Jahr 12,50 Euro für Strom aus erneuerbaren Energien aus. Diese Investitionen in die Zukunft sind gerechtfertigt.

4. Wir brauchen weniger Hysterie und mehr Vernunft in der Energiepolitik. Da hat Francois Massen Recht. Doch Verantwortung und Engagement zählen ebenso. Denn leider verschwinden Klimawandel und Energiearmut auch dann nicht, wenn wir uns die falschen Freunde suchen und uns von verführerischen Kampagnen der Kohleindustrie einlullen lassen.

Henri Kox, Abgeordneter

Claude Turmes, Europaabgeordneter

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